Aufbruch: Die Zeit enttäuschter Hoffnungen

Aufbruch: Die Zeit enttäuschter Hoffnungen
  • 04. August 2023 | Lisa Knoll
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Die 1920er-Jahre bescheren Oldenburg eine verstärkte Bautätigkeit, doch der Mangel an Wohnraum bleibt. Die heutige GSG OLDENBURG tritt ihm in der von Inflation und Not geprägten Epoche weiter entschieden entgegen. Währenddessen wirft die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten bereits ihre Schatten voraus.

BA 7011 Wochenmarkt Casinoplatz Anfang 1930iger Jahre

Ein gutes halbes Jahr war die Gemeinnützige Siedlungsgesellschaft mbH Oldenburg (GSG) alt, als im März 1922 das Reichsmietengesetz in Kraft trat und große Neuerungen in puncto Mieterschutz brachte. Erstmals existierten gesetzlich festgelegte Miethöhen, die sich an der vor dem Ersten Weltkrieg üblichen Durchschnittsmiete orientierten. Es folgten die niedrigsten Mietpreise seit Jahren. Das Problem der Wohnungsnot wurde dadurch jedoch trotzdem nicht gelöst.

In Oldenburg sorgte Anfang der 1920er-Jahre die Eingemeindung der Ortschaften Osternburg und Eversten für einen erheblichen Bevölkerungszuwachs. Damit wuchs auch der Zuständigkeitsbereich der Stadtverwaltung. Die inzwischen 53.000 Menschen in der Stadt mit ausreichend Wohnraum zu versorgen, scheiterte nicht zuletzt an einer der größten Prüfungen der jüngeren deutschen Geschichte: der Inflation.

Zählbar

451

Mrd. Reichsmark

betrug der Preis für eine Zeitschrift im November 1923.

Siedlungsbau trotz fortschreitender Inflation

Mitten in dieser finanziellen Krise gelang es der GSG, eine weitere Siedlung im Stadtnorden zu erbauen. Heute gehört das Wohnviertel rund um den Friedrich-August-Platz zu den beliebtesten im Stadtteil Bürgerfelde. Stadtbaumeister Carl Franz Noack hatte für das Areal zwischen Melkbrink, Werbach- und Gertrudenstraße bereits 1898 einen Bebauungsplan vorgelegt, der eine Einzelbebauung vorsah. Die GSG jedoch setzte angesichts der großen Wohnungsknappheit vor allem auf eines: die effiziente Nutzung von Baufläche. Sie überarbeitete Noacks Plan und verwirklichte bis 1924 eine Reihenhausbebauung, mit der Wohnraum für 94 Familien geschaffen werden konnte.

Die Siedlung am Friedrich-August-Platz zeichnet sich bis heute durch große, durchgängige Gartenflächen hinter den Gebäuden aus. An der Noackstraße orientierte die GSG sich bei der Reihenhausbebauung am besonderen, bogenförmigen Verlauf der Straße.

Friedrich August Platz

Der damalige GSG-Geschäftsführer und Architekt Otto Katzmann entwarf das Viertel nach dem Vorbild der berühmten Gartenstadt Hellerau bei Dresden. Eingerahmt von den U-förmigen Gebäudezeilen finden sich hier deshalb bis heute aneinandergrenzende, großzügig bemessene Gärten, die den früheren Charme der Siedlung bewahren.

Wissenswert

Katzmannshausen

Architekt Otto Katzmann, von 1921 bis 1926 Geschäftsführer der GSG, brachte Oldenburg durch seinen gestalterischen Einfluss auf das Stadtbild den Spitznamen „Katzmannshausen“ ein.

Steigende Ansprüche an Qualität

Auf dem Höhepunkt der Inflation im November 1923 bot unter anderem eine Währungsreform Rettung. Die Einführung der Rentenmark und im Folgejahr der Reichsmark machte Deutschland wieder zahlungsfähig. Auf dem Wohnungsmarkt waren die Folgen der Inflation jedoch nicht allein durch eine neue Währung einzudämmen.

Denn auch der steigende Qualitätsanspruch an Neubauten ließ die Baukosten in die Höhe schnellen. Die Mieten stiegen merklich an. Die GSG machte sich den anhaltenden, staatlich geförderten Bauboom zunutze und errichtete zahlreiche Siedlungen im Stadtgebiet.

Im Jahr 1928 verfügte die GSG bereits über 507 Wohnungen. Die durchschnittliche Jahresmiete betrug zu dieser Zeit rund 500 Reichsmark.

Hatte man sich in den ersten Jahren seit der Gründung vorrangig auf die wohnbauliche Erschließung in Bürgerfelde konzentriert, wurde ab 1927 auch vermehrt in Osternburg gebaut. Bis 1938 errichtete die GSG hier die Arbeitersiedlung an der Breslauer Straße. In der Gestaltung der 28 Klinkerbauten und der sie umgebenden Grünflächen passte man sich an die Wohnreformbewegung der 1920er-Jahre an. Das Ergebnis war eine helle, luftige Siedlung mit großzügig angelegten Vorgärten und einer ausgeklügelten Grundrissgestaltung. Die Gebäude an der Breslauer Straße sind bis heute nahezu vollständig erhalten und stehen seit 2005 unter Denkmalschutz.

Breslauer Strasse

Die meisten Siedlungshäuser der Breslauer Straße im Stadtteil Osternburg sind heute im Besitz einer von Bewohnerinnen und Bewohnern gegründeten Wohngenossenschaft.

Wohnungsbau in Selbsthilfe

Mit dem New Yorker Börsencrash 1929 hielt schließlich die Weltwirtschaftskrise auch in Deutschland Einzug. Ihre Nachwirkungen waren in Oldenburg bis in die 1930er-Jahre spürbar und sollten das Leben in der Stadt nachhaltig verändern. Es galt, die Lebensgrundlage der vielen Arbeitslosen in der Stadt zu sichern.

Die GSG trug ihren Teil dazu bei, die Situation zu entschärfen: Bereits 1920 hatte die Kriegerheimstättenbaugesellschaft das Areal einer ehemaligen Munitionsanstalt in Ofenerdiek erworben, um darauf Wohnungen zu errichten. Die GSG entwickelte hier ein Wohngebiet, das sie durch den Kauf eines angrenzenden Grundstücks in den frühen 1930er-Jahren stetig weiter ausdehnen konnte.

Hand heart

Wissenswert

Gemeinnützigkeit

Dass im Dezember 1930 im gesamten Reich die Verordnung über die Gemeinnützigkeit im Wohnungswesen in Kraft trat, wird rückwirkend oftmals als Geburtsstunde des sozialen Wohnungsbaus bezeichnet. Der Gemeinnützigkeitsgedanke, den die GSG zu diesem Zeitpunkt bereits seit neun Jahren vertrat, wurde damit lediglich in eine Gesetzesform gegossen. Umso absurder erscheint es, dass der GSG erst weitere drei Jahre später ihre Gemeinnützigkeit offiziell zuerkannt wurde.

Die Gebäude wurden damals in Selbsthilfe von Arbeitslosen errichtet. Statt Mietwohnungen im großen Stil zu bauen, setzte die Regierung auf kleinere Siedlungseinheiten in ländlichen oder Stadtrandgebieten. Dort wurden vermehrt die vielen Arbeitslosen der Weltwirtschaftskrise angesiedelt. Sie sollten sich hier als Selbstversorger etablieren und so aus dem Blickfeld verschwinden. Erste Ansätze des nationalsozialistischen Gedankenguts waren zu spüren.

Die NSDAP hatte sich die Folgen der Weltwirtschaftskrise zunutze gemacht und die Bevölkerung auf ihre Seite gezogen, indem sie ihr ein Ende von Not und Armut versprach. Bei den Landtagswahlen am 29. Mai 1932 errangen die Nationalsozialisten in Oldenburg die absolute Mehrheit. Damit wurde Oldenburg zur ersten Stadt unter ihrer Führung und blieb bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Gauhauptstadt der Region Weser-Ems.

LESETIPP

Heft 1: Die Anfangsjahre

2021 bestand die GSG OLDENBURG 100 Jahre. In drei Themenheften blicken wir zurück auf die wechselvolle Geschichte der Wohnbaugesellschaft. In diesem Heft im Mittelpunkt: die Jahre von 1918 bis 1945.

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