Neue Lösungen: Zeit für moderne Siedlungen

Neue Lösungen: Zeit für moderne Siedlungen
  • 21. Juli 2023 | Lisa Knoll
    Link zum Artikel wurde in die Zwischenablage kopiert.

Die junge Großstadt wächst weiter. Oldenburg entwickelt sich rasant zum Zentrum des Nordwestens. Großbetriebe siedeln sich an. Ihre Beschäftigten suchen nach passenden Wohnungen. Die Zeit der provisorischen Behausungen ist endgültig vorbei.

„Ist 1963 die Wohnungsnot beseitigt?“ titelte die Nordwest-Zeitung im August 1959, und stellte damit eine der wichtigsten Fragen des kommenden Jahrzehnts. Zu diesem Zeitpunkt fehlten in Oldenburg noch immer 6.000 Wohnungen. Die in Kreyenbrück angesiedelte AEG erweiterte ihre Werkshallen fortlaufend und stellte immer mehr Menschen ein. Mit Cewe Color wurde 1961 ein weiterer Großbetrieb im Stadtsüden gegründet, der Arbeitskräfte in die Stadt lockte. Und auch mit der Eröffnung der ersten Fußgängerzone der Bundesrepublik – von der NWZ scherzhaft als „Basar-Viertel, in dem seine Majestät, der kaufende Kunde, das Tempo angibt“ bezeichnet – machte Oldenburg 1967 weit jenseits der Stadtgrenzen von sich reden.

Ein besonderer Blickfang: das achtgeschossige Hochhaus an der Rostocker Straße

GSG Nedderend03
Die wachsende wirtschaftliche Bedeutung der Stadt ging mit einem Umdenken im Wohnungsbau einher.

Komfort, Lage und Architektur spielten nun eine entscheidende Rolle bei neuen Bauvorhaben. Hochgeschossige Mehrparteienhäuser wurden immer beliebter und dominierten im Laufe des Jahrzehnts die Baupläne der GSG.

Eines der höchsten Bauprojekte setzte die Wohnungsbaugesellschaft zwischen 1959 und 1962 in Bürgerfelde um. Im Herzen der „Nedderend-Siedlung“ rund um Wismarer Straße und Güstrower Weg entstand ein besonderer Blickfang: das achtgeschossige Hochhaus an der Rostocker Straße, entworfen und umgesetzt vom Architekten und GSG-Geschäftsführer Arnold Braune.

Die kleinste Wohnung maß gerade einmal 34 Quadratmeter, verfügte aber über einen großen Balkon – die klassische Singlewohnung, bevor man dieses Wort in Oldenburg überhaupt kannte. Nach der Fertigstellung wohnten dort vor allem Kriegswitwen. Bis heute lässt sich von den Balkonen in den oberen Stockwerken ein nahezu unverbauter Blick über die Stadt genießen.

Zählbar

86

DM

kostete die Monatsmiete in einer Einzimmerwohnung des neugebauten Wohn-Hochhauses an der Rostocker Straße im Jahr 1962.

Die lettische Siedlung am Rennplatz

Im Stadtnorden wuchs derweil eines der bekanntesten Wohngebiete Oldenburgs: die Rennplatzsiedlung. Von 1942 bis 1945 waren die Baracken auf dem Gelände in Ohmstede als „Ostarbeiterdurchgangslager“ für überwiegend russische Zwangsarbeiter genutzt worden. Schätzungen zufolge sollen etwa 40.000 Menschen im Lager gewesen sein. Viele sind dabei umgekommen. Nach der Befreiung 1945 wurde das ehemalige Lager von Flüchtlingen aus den baltischen Staaten bezogen.

1950 war es zur größten lettischen Kolonie Deutschlands gewachsen. Bis zu 1.000 aus dem Baltikum stammende Menschen sollen hier zeitweise gelebt haben. Ihre soziale Lage war schwierig, und so nahm sich Paulis Urdze, ein im Lager lebender Pastor, ihrer an. Die „heimatlosen Ausländer“ entwickelten mit seiner Hilfe ein reges kulturelles und kirchliches Leben.

Urdze orange

Paulis Urdze

Der in Litauen aufgewachsene studierte Theologe fand seine Berufung in der Betreuung lettischer Exilgemeinden in ganz Niedersachsen. Seinen Lebensmittelpunkt fand Urdze 1955 in der lettischen Siedlung in Ohmstede. In den Lagerbaracken gründete er Selbsthilfewerkstätten für Hinterbliebene. Aus seiner Idee entwickelten sich später die Gemeinnützigen Werkstätten Oldenburg.

Paulis Urdze

Als die UNO das Jahr 1959 offiziell zum Weltflüchtlingsjahr ausrief, startete Paulis Urdze eine Spendenaktion für die lettische Kolonie. Vom Erlös wurde der Bau eines „Lettischen Jugend- und Kulturzentrums“ finanziert, das am 12. April 1964 eröffnet wurde – das heutige Kulturzentrum Rennplatz. Die GSG unterstützte den Bau von Beginn an tatkräftig. Zeitgleich baute sie auf dem ehemaligen Lagergelände die heutige Rennplatzsiedlung mit den Straßen Rigaer Weg und Kurlandallee.


BA 33904 GSG Bloherfelde Kennedystr erb 1964 68 Prov Firmenarchiv

Die Wollmilchsau zwischen Eversten und Bloherfelde

Wer nach den bekanntesten GSG-Siedlungen der Stadt gefragt wird, denkt neben den zuletzt genannten sicherlich auch an die Gebäudeensembles in der Kennedystraße. Einst als Demonstrativvorhaben des sozialen Wohnungsbaus angelegt, baute die GSG auf 23 Hektar Fläche rund 500 Mietwohnungen. Der Wunsch, stark verdichteten Wohnraum mit Wohnen im Grünen zu vereinen, war zentral für dieses die Stadtteile Eversten und Bloherfelde verbindende Großprojekt.

„Ich bin froh über den Vorschlag ‚Kennedystraße‘. Wir können doch auch bei der Namensgebung von Straßen einem lebendigen zeitgeschichtlichen Bewusstsein Ausdruck verleihen.“

CDU-Ratsherr Dr. Heinrich Niewerth zur Benennung des neuen Baugebiets, die 1965 eine öffentliche Kontroverse auslöste

Stadt, Land und Bund wollten das Kennedyviertel schnell zu einer eierlegenden Wollmilchsau machen: familienfreundliche Wohnungen im Grünen mit geringen Baukosten, zugleich gut angebunden an die städtische Infrastruktur, dank günstiger Mieten auch für Menschen mit wenig Einkommen geeignet, daneben aber kein sozialer Brennpunkt. All das sollte das Kennedyviertel leisten – ein unmögliches Unterfangen, was alle Beteiligten recht schnell bemerkten.

Und so begann die wechselhafte Geschichte des Viertels. In den 1980ern hatte man mit Leerständen zu kämpfen, nach dem Mauerfall gab es hingegen zu wenig Wohnraum, denn das Viertel wurde zur ersten Adresse für Familien, die nach kostengünstigen Lösungen suchten. Den Ruf des „Problemviertels“ loszuwerden, wurde fortan ein großes Bestreben für GSG, Stadt und viele weitere Akteure.

GSG Alkenweg5 02

Die Neubauten im Ahlkenweg waren bei den Oldenburgern besonders begehrt.

Wohnraum für Alleinstehende

1968 nahm die GSG in Eversten ihr bisher größtes Bauvorhaben in Angriff. Rund um Ahlken-, Dachs und Hermelinweg sollten 435 Wohneinheiten entstehen. Im Ahlkenweg wählte die GSG eine moderne Optik mit scheinbar freischwebenden, transparenten Laubengänge über mehrere Geschosse – zu dieser Zeit ein Novum. Krönung des Viertels war ein neungeschossiges Wohnhaus. Die 76 Anderthalb- und Zweizimmerwohnungen sollten vor allem Alleinstehenden ein neues Zuhause bieten.

Dieser Gedanke stieß in der breiten Bevölkerung zunächst auf wenig Verständnis. Doch die GSG erkannte den Bedarf der Zukunft frühzeitig und traf die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit. Der Trend zum „Wohnen in kleinen Einheiten“ verfestigte sich in den Folgejahren zunehmend, Wohnraum für Singles wurde immer gefragter und ist es bis heute geblieben.

Wissenswert

Künstlerische Namensgeber

Die Auswahl der Straßennamen brachten dem Baugebiet Hartenkamp schnell den Spitznamen „Malersiedlung“ ein. Von der parallel verlaufenden, nach der preußischen Grafikerin Käthe Kollwitz benannten Straße zweigen drei weitere ab, die Kunstschaffende aus dem frühen 20. Jahrhundert ehren: den expressionistischen Maler Emil Nolde, den Dresdner Zeichner Heinrich Zille und den norwegischen Karikaturisten Olaf Gulbransson.

Eine Malersiedlung in Schottenbauweise

Qualitativ hochwertiger Wohnraum für die immer anspruchsvoller werdende Bevölkerung wurde währenddessen auch in Bürgerfelde gebaut. Die GSG erschloss 1968 das vom Eßkamp abzweigende „Baugebiet Hartenkamp“. In den folgenden zehn Jahren entstanden hier 376 Wohneinheiten.

Besonderes Merkmal dieser Wohnungen ist die „Schottenbauweise“ mit halb verglasten Laubengängen zwischen den Gebäuden. Sie sollten ein luftiges Aussehen vermitteln und als lockeres Bindeglied fungieren. Außerdem wurden Wohnungen waagerecht und senkrecht versetzt gebaut. „Die Leute können sich nicht gegenseitig auf die Balkone sehen, die Wohnungstüren liegen einander nicht gegenüber. Jede Familie muss das Gefühl haben, für sich zu sein“, begründete GSG-Geschäftsführer Arnold Braune diese Entscheidung.

Ende der 1960er hat sich das Bauen also endgültig von den Vorgaben der unmittelbaren Nachkriegszeit emanzipiert. Architekten probieren neue Lösungen und beschreiten neue Wege. Die GSG geht diese mit – und bereitet sich so auf das nächste Jahrzehnt vor, das bereits an die Tür klopft.

LESETIPP

Heft 2: Die Nachkriegszeit

Flüchtlinge und Vertriebene machen Oldenburg nach dem Krieg zur Großstadt. Zur wichtigsten Aufgabe dieser Zeit wird der Wohnungsbau. Die Menschen brauchten ein Dach über dem Kopf. Damit schlägt die große Stunde der GSG.

Weitere Artikel aus dem Bereich Historie

BA 14860 Bombenschaeden Bahnhofsplatz Hotel Deus

Alles auf Null: Oldenburg zwischen 1945 und 1954

Ein nicht abreißender Flüchtlingsstrom in den ersten Nachkriegsjahren machte Oldenburg unfreiwillig zur Großstadt. Das drängendste Problem war die... lesen
DJH Oldenburg 1019 001 BRE3105

Hier und Jetzt: Oldenburg zwischen 2011 und 2021

Die Herausforderungen verändern sich – und mit ihr die Aufgaben für die GSG OLDENBURG. Der Bau von Wohnungen bleibt ein Standbein, der von... lesen
BA 33266 Hauptbahnhof Bahnsteig02 1990 Foto u Prov Gerhard Behrens

Innovationen: Oldenburg zwischen 1991 und 2004

Als sich das alte Jahrtausend allmählich dem Ende neigte, blickte die GSG OLDENBURG schon vorausschauend ins neue. Zielgruppengerechtes Bauen war... lesen
Zum Anfang der Seite scrollen

Bildrechte

© DJH Jugendherbergen im Nordwesten

© GSG OLDENBURG

© GSG OLDENBURG

© GSG OLDENBURG

© Quelle und © Stadtmuseum Oldenburg

© Quelle und © Stadtmuseum Oldenburg

© Quelle und © Stadtmuseum Oldenburg

© GSG OLDENBURG

© GSG OLDENBURG

© GSG OLDENBURG