Nazizeit: Das Leben in der Gauhauptstadt

Nazizeit: Das Leben in der Gauhauptstadt
  • 05. August 2023 | Lisa Knoll
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Eine bittere Erkenntnis: In den 1930er-Jahren war Oldenburg seiner Zeit voraus. Hier übernahmen die Nationalsozialisten bereits nach der Landtagswahl im Mai 1932 die Macht – Hitlers Ernennung zum Reichskanzler folgte erst acht Monate später. Die GSG kann weiter bauen, doch die Materialbeschaffung wird zunehmend schwieriger.

In den 1920ern hatte die GSG wesentlich dazu beigetragen, dass die Huntestadt nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wieder auf die Füße kam.

Dem Wohnungsbau war große Bedeutung zugemessen worden. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde schnell deutlich, dass sich in Oldenburg, nun Hauptstadt des Gaus Weser-Ems, einiges ändern würde. Doch eines blieb trotz allem unverändert: der stetige Bedarf an Wohnraum.

Die Eingemeindung Ohmstedes im Mai 1933 steigerte die Einwohnerzahl auf rund 67.000. So nahm die GSG schon wenig später den Bau von 76 Einfamilienhäusern in ihre Planungen auf, u.a. in Dietrichsfeld und am Rauhehorst, in Bloherfelde, Nadorst und Osternburg. Die monatliche Miete lag damals zwischen 30 und 36 Reichsmark.

Der Garten direkt am Wohnhaus – damit punktete die GSG auch am Rauhehorst.

Rauhehorst

In den ersten Jahren unter nationalsozialistischer Herrschaft wurde dem Wohnungs- und Siedlungswesen keine besondere Stellung zuteil. Eine einheitliche Ideologie oder allgemeingültige Vorschriften zur Wohnungspolitik suchte man zu dieser Zeit vergeblich.

Wohnen als Mittel der Propaganda

Einig war man sich indes in der Ablehnung des „Neuen Bauens“ der 1920er. Das Bauhaus wurde als „Brutstätte des Kulturbolschewismus“ verunglimpft. Gut gelitten war hingegen die Bauweise der sogenannten Heimatschutzbewegung. Sie zeichnete sich durch niedrige Häuser in traditioneller Bauform mit steilen Dächern, aufrechten Fensterformaten und Klappläden aus. Es sollte der Eindruck einer „guten alten Zeit“ vermittelt werden.

Wissenswert

Eine Hausbaumaschine für Albert Speer

Im Laufe des Krieges verloren die Nationalsozialisten mehr und mehr das Gespür für die Realität. So ließ etwa Rüstungsminister Albert Speer 1943 erste Pläne für den Wiederaufbau der vom Krieg zerstörten Städte ausarbeiten. Um dabei möglichst effizient vorgehen zu können, entwickelte der als Bauhaus-Architekt bekannt gewordene Ernst Neufert in Speers Auftrag eine gigantische Hausbaumaschine. Damit sollte es möglich sein, ganze Häuserzeilen wie am Fließband zu produzieren. Neuferts Idee stieß in der Fachwelt jedoch auf wenig Gegenliebe. Von Größenwahn war die Rede, von lieblosem Umgang mit der Baukunst. Zu einer Umsetzung kam es nie.

Zur Propaganda ließ sich das Thema Wohnen bestens instrumentalisieren. Mit der Frage, wie trotz großer Widrigkeiten genügend Wohnraum für alle geschaffen werden könne, trafen die Nationalsozialisten präzise den wunden Punkt der besorgten Menschen. Viele der von ihnen propagierten Wohnprojekte erwiesen sich am Ende als leere Versprechungen. Trotz einfachster Standards und geringer Baukosten fehlte es an den nötigen finanziellen Mitteln. Der Siedlungsbau trat auf der Stelle, und von den Neubauplänen im großen Stil war schnell keine Rede mehr.

Wohnungsbau trotz Materialmangel

Es blieb den Wohnungsbaugesellschaften vorbehalten, die Bebauung der Städte weiter voranzutreiben. Das war auch den Verantwortlichen der GSG klar. Im Protokoll zur Sitzung des GSG-Aufsichtsrats am 30. September 1937 ist von einem „außerordentlich drückenden“ Mangel an Wohnungen die Rede. Weiter wird prophezeit: „Es wird einer angespannten Tätigkeit der Gesellschaft bedürfen, um hier im Laufe der nächsten Jahre die unbedingt notwendige Abhilfe zu schaffen.“ Im Anschluss wird die baldige Fertigstellung von rund 80 Wohnungen im gesamten Stadtgebiet angekündigt. Mehr als 300 weitere – unter anderem am Osterkampsweg, Kaspersweg und Hogenkamp – sind zu diesem Zeitpunkt bereits in Planung.

Zählbar

1,5

Reichsmark

betrug im April 1933 der Quadratmeterpreis für ein Baugrundstück in Ofenerdiek. 1942 zahlte man für einen Bauplatz am Tannenkamp 0,60 Reichsmark je Quadratmeter.

Bis zum Kriegsbeginn ließ die Bautätigkeit der GSG nicht nach. So wurde die Siedlung an der Breslauer Straße in Osternburg komplettiert, außerdem wandte man sich 1936 dem Stadtteil Nadorst zu und errichtete Wohngebäude in Lamberti- und Gotenstraße. Besonders begehrt wurden 1938 und 1939 die neu entstandenen Wohnungen an der Eike-von-Repkow-Straße im Haarenesch. Einer der Gründe war das benachbarte und vorwiegend von den Arbeitern der nahen Fleischwarenfabrik genutzte Schwimmbad mit seinen Grünflächen.

Ende der 1930er-Jahre besonders beliebt: das Viertel um die Eike-von-Repkow-Straße.

Eike von Repkow Strasse A

Mit Kriegsbeginn ändern sich die Prioritäten

Obwohl die GSG mehr Wohnungen als jemals zuvor gebaut hatte, ist in den Protokollen der Aufsichtsratssitzungen bereits ein skeptischer Unterton zu spüren. Die düstere Prognose: „Die Wohnungsbautätigkeit der kommenden Jahre wird voraussichtlich eine starke Einengung erfahren."

GSG Einwohnerzahl A

Die Entwicklung der Einwohnerzahl Oldenburgs von 1919 bis 1945

Und tatsächlich rückten ab Kriegsbeginn andere Aufgaben in den Vordergrund. Mehr und mehr wurde die Materialbeschaffung das vorrangige Hindernis im Bausektor. Dabei war die Bevölkerungszahl in Oldenburg weiter angestiegen. Im Mai 1939 hatte Oldenburg bereits knapp 74.000 Einwohner. Schon im ersten Kriegsjahr sollten weitere 6.500 hinzukommen. Menschen, für die Wohnraum geschaffen werden musste.

Am 1. September 1939 überfiel die deutsche Wehrmacht das benachbarte Polen – und das Thema Wohnungsbau verlor weiter an Bedeutung. Schon früh wurde eine Bausperre erlassen, die 1940 in ein generelles Neubauverbot mündete. Ausgenommen waren lediglich Projekte, die in Zusammenhang mit der Aufrüstung des Deutschen Reichs standen.

Oldenburg schonen, da wollen wir wohnen!

Kurz vor Ende des Weltkriegs wurden im April 1945 die Kasernenanlagen in Kreyenbrück und Bümmerstede durch kanadische Truppen bombardiert. Die deutsche Wehrmacht sprengte daraufhin die Brücken über den Küstenkanal. Am 3. Mai wurde das Oldenburger Stadtgebiet nördlich des Schifffahrtsweges kampflos den einrückenden britischen und kanadischen Truppen übergeben.

BA 28637 Luftaufnahme E Werk um 1935

Blick auf die Amalienbrücke über den 1935 fertiggestellten Küstenkanal mit dem E-Werk im Vordergrund

Die Kriegsbilanz im Nordwesten fällt unterschiedlich aus. Während in Bremen und Wilhelmshaven etwa 60 Prozent des Wohnraums zerstört wurden, ist Oldenburg glimpflich aus den Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs hervorgegangen. Auf Flugblättern hatten die Alliierten die letzten Einwohner frühzeitig wissen lassen: „Oldenburg wollen wir schonen, da wollen wir später drin wohnen!“

Trümmerlandschaften hat es hier deshalb nicht gegeben. Nur knapp 130 Wohnhäuser und 220 Wohnungen wurden zerstört. Das entsprach lediglich 1,4 Prozent des seinerzeitigen Gebäudebestands. Mit dem Wiederaufbau in den folgenden Jahren, an dem die GSG in besonderem Maße beteiligt war, tat Oldenburg einen großen Schritt hin zum Stadtbild, wie wir es heute kennen.

LESETIPP

Heft 1: Die Anfangsjahre

2021 bestand die GSG OLDENBURG 100 Jahre. In drei Themenheften blicken wir zurück auf die wechselvolle Geschichte der Wohnbaugesellschaft. In diesem Heft im Mittelpunkt: die Jahre von 1918 bis 1945.

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