Alles auf Null: der Neustart nach dem Krieg

Alles auf Null: der Neustart nach dem Krieg
  • 19. Juli 2023 | Lisa Knoll
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Ein nicht abreißender Flüchtlingsstrom in den ersten Nachkriegsjahren machte Oldenburg unfreiwillig zur Großstadt. Das drängendste Problem war die immense Wohnungsnot in allen Stadtteilen. Fortan galt es, möglichst schnell zweckmäßige Unterkünfte für eine Vielzahl an Menschen zu schaffen.

Während man in den 1920er- und 1930er-Jahren bereits weitsichtig die Weichen gestellt hatte, um Oldenburg im Sinne der Industrialisierung zur Großstadt aufzubauen, machten NSDAP-Herrschaft und Kriegsniederlage die Bemühungen schnell zunichte. Nur weil Oldenburg im Krieg kaum zerstört wurde, blieb die Stadt nach Kriegsende ein bedeutendes Zentrum im Nordwesten. Kluges Handeln war gefragt, um den vielen Kriegsflüchtlingen ein Dach über dem Kopf zu geben. Die GSG tat sich als eine der treibenden Kräfte hervor und schuf in den Folgejahren einiges an Wohnraum vor allem im Norden und Süden der Stadt.

GSG Einwohnerzahl B

Die Entwicklung der Einwohnerzahl Oldenburgs von 1939 bis 1950

Um die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen in großer Zahl stemmen zu können, beschloss der Stadtrat Anfang 1946, dass die Stadt Oldenburg die leerstehende Hindenburg-Kaserne als Unterkunft für Flüchtlingsfamilien nutzen solle. Dass damit eine Alternative zur Zwangseinweisung in Privatwohnungen geschaffen wurde, fand bei allen Beteiligten Anklang.

BA15503 Hindenburg Kaserne 1950 Block 11 Westen

Die Hindenburg-Kaserne in Kreyenbrück wurde nach dem Krieg kurzerhand zur Notunterkunft erklärt.

Aus der provisorischen Behausung für bis zu 480 Familien wuchs mit der Zeit ein eigener kleiner Kosmos: Eine Schule und eine Kirche wurden eröffnet, dazu zahlreiche Handwerksbetriebe und Werkstätten, die das Kasernengelände in einen belebten Gewerbehof verwandelten. Erst 1959, als die Kaserne wieder ihrem ursprünglichen Zweck zugeführt wurde, löste sich der Gewerbehof auf. Viele Familien blieben in Kreyenbrück und führten ihre Betriebe fort. Einige sind bis heute im Viertel verwurzelt.

Koopmann orange

Jan Koopmann

Bis zu seinem Tode 1960 widmete sich Jan Koopmann der Schaffung kostengünstigen Wohnraums für „de lüttge Lü“. Als „Koopmannshausen“ fertiggestellt war, leitete er den Bau von Oldenburgs erster Kriegsversehrtensiedlung zwischen Drögen-Hasen-Weg und Grotepool. Zahlreiche Siedler aus Alexandersfeld unterstützten ihren ehemaligen Bauherrn dabei als Freiwillige. In den Folgejahren beaufsichtigte Koopmann den Bau weiterer Siedlungen rund um die Thomasburg in Eversten. Am 10. September 1953 war dort die 500. durch Koopmann errichtete Wohnung bezugsfertig.


Jan Koopmann

Am 16. Mai 1949 erfolgte der Spatenstich, in den Folgejahren wurde die Siedlung Alexandersfeld – im Volksmund „Koopmannshausen“ genannt – in zwei Bauabschnitten mit mehr als 200 Siedlungshäusern entlang der Leuchtenburger Straße und den in sie einmündenden Querstraßen errichtet. Bis heute sind die Straßenzüge als Koopmann-Siedlung bekannt. Ein Gedenkstein an der Kreuzung von Wiefelsteder Straße und Leuchtenburger Straße erinnert an Jan Koopmann und sein Motto „Nichts für mich, alles für meine Siedlerkameraden!“

Ein Fonds für den sozialen Wohnungsbau

Während sich die Koopmann-Siedlung vor allem durch Muskelkraft und Zusammenhalt in die Tat umsetzen ließ, war der Mangel an finanziellen Mitteln andernorts stark zu spüren. In den ersten Jahren nach Kriegsende war die öffentliche Bautätigkeit deshalb fast zum Stillstand gekommen. Den Wohnungsbau mit allen erdenklichen Mitteln voranzutreiben, wurde Ende der 1940er-Jahre zum obersten Gebot in der Stadt. Im November 1948 richtete Oldenburg als erste Stadt in Niedersachsen einen sozialen Wohnungsbaufonds (SoWoFo) ein, der die Bautätigkeit entscheidend vorantreiben sollte.

Das zunächst auf drei Jahre angelegte Programm sah vor allem die Errichtung möglichst vieler Zweizimmerwohnungen zu „wirtschaftlich tragbaren Mieten“ vor. Gespeist wurde der Fonds unter anderem durch Überschüsse aus Mieteinnahmen, gering verzinsliche Darlehen von Firmen und Spenden von Privatleuten. Insgesamt entstanden durch SoWoFo-Mittel mehr als 2.200 Mietwohnungen und Kleinsiedlungen.

Zählbar

2.586

Wohnungen

hat die GSG seit ihrer Gründung 1921 bis zum Jahresende 1948 errichtet.

Vom SoWoFo profitierte vor allem der südliche Stadtteil Kreyenbrück enorm. Mit Mitteln aus dem Fonds entstanden zwischen 1949 und 1958 zahlreiche Mehrfamilienhäuser An den Voßbergen, im Sandkamp, in der Ewigkeit und in der von ihr abzweigenden Münnichstraße. Durch den enormen Zuwachs an Wohnraum im Süden der Stadt stieg auch die Bedeutung des Stadtteils Kreyenbrück in der Entwicklung des Stadtbilds. Der Bau der Kinderklinik ab 1952 sowie der AEG-Siedlung ein paar Jahre später sollte diese Tendenz weiter vorantreiben.

In Bümmerstede entsteht eine weitere Koopmann-Siedlung – beliebt vor allem bei Familien mit Kindern.

GSG Alexanderfeld Kinder02

Eine neue Siedlung für Bümmerstede

Zudem erschloss die GSG eine neue Siedlung in Bümmerstede. Jan Koopmann war hier wieder federführend tätig, denn auf dem ehemaligen Standortübungsplatz sollte eine weitere Siedlung nach dem Vorbild von „Koopmannshausen“ entstehen. Auch die dort geplanten Einzel- und Doppelhäuser sollten von den Siedlern selbst errichtet werden und später in ihren Besitz übergehen. Bereits im Herbst 1951 des Jahres konnten die ersten Siedler ihre Häuser im Heidschnucken-, Heidjer- und Hirtenweg beziehen. 1952 gründeten die Bewohner die Siedlergemeinschaft Bümmersteder Tredde. Bis heute pflegen ihre Mitglieder den großen Gemeinschaftssinn der Gründerjahre. 2022 konnte die Siedlergemeinschaft ihr 70-jähriges Jubiläum feiern.

LESETIPP

Heft 2: Die Nachkriegszeit

Flüchtlinge und Vertriebene machen Oldenburg nach dem Krieg zur Großstadt. Zur wichtigsten Aufgabe dieser Zeit wird der Wohnungsbau. Die Menschen brauchten ein Dach über dem Kopf. Damit schlägt die große Stunde der GSG.

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