Neuanfang: Die Jahre des großen Umbruchs

Neuanfang: Die Jahre des großen Umbruchs
  • 03. August 2023 | Lisa Knoll
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Nach Ende des Ersten Weltkriegs beginnt die Geschichte des modernen Oldenburgs vermeintlich mit einer Niederlage. Dennoch begründet die Huntestadt in der Zeit nach 1918 ihren Ruf als Zentrum des Nordwestens. Maßgeblich an diesem Erfolg beteiligt war die Kriegerheimstättenbaugesellschaft – der Vorläufer der heutigen GSG OLDENBURG.

1920 in der Langen Straße: das heutige „Leffers Eck“ wurde damals „Schäfers Eck“ genannt.

1920 Lange Str Schaefers Eck jetzt Leffers Eck 1920 Repro Slg Willy Schroeder 02
Anfang 1919 lag der durchschnittliche Wochenlohn eines Maschinenarbeiters bei etwa 75 Mark. Nur vier Jahre später waren es elf Milliarden.

Der Zusammenbruch des Kaiserreichs und die fortschreitende Inflation veränderten das städtische Leben grundlegend. Auch in Oldenburg. Nach Kriegsende kämpfte man hier mit denselben Problemen wie in vielen anderen Städten: Die Inflation sorgte für einen rasanten Wertverfall der Mark.

Rentnerinnen und Rentner hatten ihr Vermögen verloren und verarmten zusehends. Wohnungen waren in jenen Jahren Mangelware in Oldenburg. Durch die zunehmende Industrialisierung war die Wohnungsnot im ganzen Reich zu einem wachsenden Problem geworden, dem sich die kaiserliche Regierung jedoch fortwährend entzogen hatte.

Zu wenig Wohnungen für immer mehr Menschen

In der Weimarer Republik hingegen sahen sich die Oberhäupter des Deutschen Reichs nun erstmals in der Pflicht, von staatlicher Seite für ausreichenden Wohnraum zu sorgen. Die Einwohnerzahlen wuchsen jedoch schneller als dieser geschaffen werden konnte. Ein Jahr nach Kriegsende wurden in Oldenburg noch knapp 32.500 Einwohner vermeldet. Sechs Jahre später hatte sich diese Zahl bereits nahezu verdoppelt.

Zählbar

1.152

Hektar

betrug die Fläche Oldenburgs im Jahr 1920. Zum Vergleich: Heute ist es neun Mal so viel.

Da die Baukosten gegenüber der Zeit vor 1914 inzwischen um bis zu 300 Prozent gestiegen waren, geriet der private Wohnungsbau seit Kriegsende vollends ins Stocken. Die Regierung verabschiedete daraufhin erstmals eine öffentliche Wohnungsbauförderung. Im gesamten Reich gründeten sich Wohnungsbaugenossenschaften. Im Fokus stand die Versorgung einkommensschwacher Bevölkerungsgruppen mit kostengünstigen Wohnhäusern. Das Ziel: die zunehmende Überbelegung in den Arbeitervierteln und die damit einhergehenden, katastrophalen hygienischen Bedingungen zu beenden. Der staatliche Wohnungsbau war damit nicht zuletzt eine gesundheitspolitische Initiative.

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Oldenburgs Innenstadt vor 100 Jahren: An der Mottenstraße/Ecke Wallstraße gab es leckere Backwaren zu kaufen.

Biebel orange

Dr. Ing. Heinrich Biebel – Architekt und Ingenieur

Er war ein Mann voller Ideen: Neben der Plansiedlung am Rauhehorst verantwortete der Oldenburger Architekt und Ingenieur Dr. Heinrich Biebel auch den Bau weiterer Gebäude im Stadtgebiet. Dazu gehören die Mehrparteienhäuser der Klävemannstiftung (Nadorster Str. 209-227) und die Trauerhalle auf dem jüdischen Friedhof in Osternburg.

Dr. Ing. Heinrich Biebel – Berufsschullehrer

Später widmete er sich als Berufschullehrer der Weitergabe seines Wissens. Als Biebel 1935 jedoch homosexuelle Handlungen mit einem Schüler nachgesagt wurden, enthob man ihn seines Amtes. Obwohl nie handfeste Beweise gegen ihn vorgebracht wurden, fand er trotz seines großen Talents keine dauerhafte Anstellung mehr und zog sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. Seinen Ruf konnte Biebel bis zu seinem Tod im Jahr 1979 nicht wiederherstellen.

Erste Plansiedlungen im Stadtnorden

Die Kriegerheimstättenbaugesellschaft, aus der sich wenig später die heutige GSG OLDENBURG entwickelte, kam den staatlichen Bemühungen zuvor. Bereits 1919 schuf man eine erste Plansiedlung, die den so dringend benötigten Wohnraum in den Norden der Stadt brachte: die wohnbauliche Erschließung der bis heute erhaltenen Straßen Wittingsbrok und Brunsbrok. In Einfamilien- und Doppelhäusern entstanden im Gebiet zwischen Rauhehorst und Vahlenhorst insgesamt 81 Wohnungen mit zwei bzw. vier Zimmern und schmalen, langen Gärten zur Selbstversorgung der Bewohner.

Trotz zahlreicher Um- und Ausbaumaßnahmen in späteren Jahren hat sich die Siedlung bis heute ihren ursprünglichen Charakter erhalten. Federführend in der Planung und Umsetzung des Siedlungsbaus war der Architekt und Ingenieur Dr. Heinrich Biebel.

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Der Eingang zum Wittingsbrok wurde flankiert vom Oldenburger Konsumverein (links) und einem Geschäft für Woll- und Kurzwaren (rechts).

Der Beginn einer neuen Ära

Am 5. August 1921 wurde die Gemeinnützige Siedlungsgesellschaft mbH Oldenburg, die heutige GSG, gegründet. Den Anstoß gab der zu diesem Zeitpunkt frisch ins Amt berufene Oldenburger Oberbürgermeister Theodor Hans Walter Görlitz. Zur Geschäftsführung gehörte auch der Architekt Otto Katzmann, der in den folgenden Jahren maßgeblich das neue Bild der Stadt Oldenburg prägte.

Im Gesellschaftsvertrag wird das Unternehmensziel der GSG wie folgt benannt: „Ausschließlicher Gegenstand des Unternehmens ist die Beschaffung gesunder und zweckmäßig eingerichteter Wohnungen, in der Regel verbunden mit Gartenland, zu angemessenen Preisen für Familien des Mittelstandes, insbesondere für Beamte und versicherte Angestellte, sowie für Arbeiterfamilien. Kinderreiche Familien erhalten den Vorzug.“

Galt das Hauptaugenmerk der Kriegerheimstättengesellschaft noch der Schaffung von Eigenheimen für Kriegsheimkehrer, widmete man sich nun der Bekämpfung der allgemeinen Wohnungsnot. Neubauten wurden für ein breiteres Spektrum an Wohnungssuchenden zugänglich und fortan zumeist als Mietwohnungen angeboten.

„Ausschließlicher Gegenstand des Unternehmens ist die Beschaffung gesunder und zweckmäßig eingerichteter Wohnungen, in der Regel verbunden mit Gartenland, zu angemessenen Preisen […]“

Gesellschaftsvertrag der GSG OLDENBURG

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Im heute noch stehenden Oldenburger Landtag fielen zu Beginn des 20. Jahrhunderts wichtige Entscheidungen.

Innovative Wohnformen für Oldenburg

Und auch der Wohnungstypus änderte sich. So beschrieb Stadtbaurat Robert Charton die bis Anfang des 20. Jahrhunderts in Oldenburg übliche Bauweise als „freistehendes Kleinhaus, das in Erd- und Obergeschoß höchstens zwei Familien beherbergte“. Um eine möglichst große Anzahl an Familien auf kleiner Fläche unterzubringen, setzte die GSG künftig vermehrt auf Reihenhäuser – eine zu diesem Zeitpunkt unübliche Bauform, die durch ihre effiziente Nutzung von Baugrundstücken jedoch auf Zustimmung in der Bevölkerung stieß.

In seinen Grundzügen fußt das unternehmerische Handeln der GSG noch immer auf den vor mehr als 100 Jahren im Gesellschaftsvertrag festgehaltenen Grundsätzen. So wurde sie über viele Jahrzehnte zu einem festen Bestandteil der Oldenburger Stadtentwicklung, die sie maßgeblich mitprägte.

Wissenswert

Namenssuche

Als es am 1. Dezember 1920 um die Benennung der neu geschaffenen Wohnsiedlungen am Rauhehorst ging, schlug Stadtarchivar Prof. Dr. Dietrich Kohl die Wegenamen „Vaterlandsdank“ und „Kriegersruh“ vor. Sie sollten fortan an die ursprüngliche Zielsetzung des Baus erinnern. Kohls Vorschläge wurden jedoch abgelehnt. Die Namen Wittingsbrok und Brunsbrok sind schließlich in Anlehnung an alte Flurnamen an der Grenze des Stadtgebiets entstanden und bis heute in Verwendung.


LESETIPP

Heft 1: Die Anfangsjahre

2021 bestand die GSG OLDENBURG 100 Jahre. In drei Themenheften blicken wir zurück auf die wechselvolle Geschichte der Wohnbaugesellschaft. In diesem Heft im Mittelpunkt: die Jahre von 1918 bis 1945.

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