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Soziales
Wo Nachbarschaft einfach passiert
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14. Juli 2026 | Alke zur Mühlen
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Im Mehrgenerationenhaus (MGH) Oldenburg kommen Menschen zusammen, die sich im Alltag vielleicht über den Weg laufen, sich aber nicht kennenlernen und schätzen lernen würden. Unter der Koordination von Sabine Weirauch ist ein Ort entstanden, der vieles ist: verlässliche Anlaufstelle, Klöntreff, Lernhilfe oder sicherer Zufluchtsort. Immer ein guter Eisbrecher: gemeinsames Kochen und Essen.
Ein verführerischer Duft zieht durch den Güstrower Weg. Wer den persischen Gewürzen folgt, gelangt zur Hausnummer 1a, der Wohnung im Erdgeschoss. Hier ist seit 10 Jahren das Mehrgenerationenhaus Oldenburg zu Hause. Und in dessen Küche wird heute geschnibbelt, gekocht und probiert. Eingeladen hat Lida. Die junge Iranerin ist allein mit ihrer Tochter nach Deutschland gekommen, damit diese in Freiheit aufwachsen kann. Lida ist regelmäßig im MGH zu Gast, hat hier auch Deutsch gelernt. „Im Iran essen wir mit vielen Gästen, ich würde gerne mal für euch kochen“, schlug sie Sabine Weirauch vor, die als Koordinatorin die Einrichtung leitet. Die sagte begeistert zu und kaufte mit ihr ein. „Es wurde ein großartiges Kochevent. Viele Menschen haben spontan reingeschaut und bedauert, dass sie die Anmeldung verpasst hatten. Und Lida war so glücklich an dem Nachmittag – die ist hier nur so rausgeschwebt, das war ganz wunderbar.“
Anlaufstelle, Treffpunkt und Veranstaltungsort
Für Sabine Weirauch beschreibt das spontane Kochevent den Kern ihrer Arbeit: Raum geben, Ideen ermöglichen, Menschen zusammenbringen. „Wir sind ein Ort für alle. Wer sich respektvoll, wertschätzend und demokratisch äußert, ist herzlich willkommen.“ Auch ohne Anlass, einfach nur um Hallo zu sagen oder die Zeitung zu lesen. Das MGH ist ein niederschwelliger Treffpunkt, in dem aus losen Kontakten ein soziales Miteinander füreinander entsteht.
ÜBER
Das Mehrgenerationenhaus
10 Jahre gibt es den Treffpunkt unter Trägerschaft der Johanniter in Oldenburg im Güstrower Weg 1a.
Öffnungszeiten:
Montag–Donnerstag: 9:00 Uhr bis 18:00 Uhr
Freitag: 9:00 Uhr bis 16:30 Uhr
Die Lage ist ideal: mitten in einem Quartier mit Mietshäusern der GSG OLDENBURG. Jeden Werktag steht die Tür offen – ohne Anmeldung oder Termin. Das Konzept Mehrgenerationenhaus ist ein Förderprojekt des Bundesfamilienministeriums, zusätzlich unterstützt von Land und Kommune. Trägerin ist die Johanniter-Unfall-Hilfe Oldenburg, bei der Sabine Weirauch dafür hauptamtlich beschäftigt ist. Die GSG OLDENBURG stellt die Räume zur Verfügung und unterstützt das Projekt immer wieder ganz praktisch – etwa bei Festen, Aktionen oder über die Finanzierung einer Stelle im Bundesfreiwilligendienst.
Zwischen Gurkenglas, Pflegefragen und Zukunftstag
Im MGH treffen seit zehn Jahren Menschen aufeinander: Senior:innen, Kinder, Familien, Nachbar:innen, Ehrenamtliche, Menschen mit Fluchterfahrung, Menschen mit Fragen, Menschen mit Ideen. „Unsere Gäste kommen nicht nur zu konkreten Angeboten, sondern auch einfach zwischendurch“, erklärt Sabine Weirauch. „Um ein Dokument zu kopieren, bei Problemen mit dem Smartphone oder mit einem Gurkenglas, das sich nicht öffnen lässt.“ Das Team ist immer ansprechbar, so wächst Vertrauen. Für Zeiten, in denen die Stille Menschen aus der eigenen Wohnung treibt, oder weil Gefahr droht. „Wir sind auch Kooperationspartner des wichtigen Projektes Stadtteil ohne Partnergewalt und als sicherer Zufluchtsort bekannt.“
VON BIS
Programm im MGH Oldenburg
Das Mehrgenerationenhaus veröffentlicht sein Programm in einem Flyer auf der Website und auf Instagram. Neben täglichen, wöchentlichen und regelmäßigen Terminen gibt es immer wieder auch besondere Veranstaltungen. Angeboten werden unter anderem:
- gemeinsamer Start in den Tag „Kaffee, Tee und Zeitung“ mit Tim
- offene Gesprächsrunden
- offene Lernwerkstatt „Deutsch sprechen“ mit Kinderbetreuung
- kostenlose Nachhilfe
- Bastelangebote
- Kochtreffs und gemeinsame Mahlzeiten
- Quartiersverschönerung
- „Zusammenarbeit Pflege + Quartier“ mit externen Beratenden
- Gymnastik, Spaziergänge, Rollatortrainings
Den Anfang macht oft das unverbindliche Kennenlernen. Dafür bieten die beiden Bundesfreiwilligendienstleistenden Joyce und Nora Beisammensein bei frischen Waffeln an, wird zusammen gegrillt, gekocht, gefrühstückt. Zeitweise gab es einen Mittagstisch, der sehr gut angenommen wurde. „Wer gerne kocht, ist herzlich eingeladen, sich zu engagieren, egal ob einmalig oder regelmäßig“, ermuntert Sabine Weirauch. Beim gemeinsamen Essen bricht auch für neue Gäste schnell das Eis, sind ein Duft, ein Rezept oder eine Erinnerung Anlässe für ungezwungene Gespräche. Weirauch ist als gelernte Gastgeberin dabei voll in ihrem Element. „Meine Ausbildung in Hotellerie hat mich ungeplant genau auf das vorbereitet, was ich hier lebe: Wir sind offene Gastgebende und lassen Menschen spüren, dass sie so, wie sie sind, willkommen sind."




Plattform und Netzwerk
Besonders freut sich die Koordinatorin, wenn Ideen eine Eigendynamik entwickeln. Eine Stammbesucherin erzählt von einer Aktion aus Kassel: „Tulpen statt Kippen“. Kurz darauf wird auch rund um das MGH aufgeräumt, gepflanzt, verschönert. „Die Gruppe hat sich selbst organisiert, vom Aufräumen über das Pflanzen bis zum Kuchenbuffet hinterher. Ich habe lediglich die Plattform dafür zur Verfügung gestellt“, betont sie. Und natürlich ihre Kontakte. Netzwerken ist ein wichtiger Teil ihrer Arbeit. „Blumen Lüschen hat uns einen ganzen Lkw voller Blumen und Zwiebeln gestellt und jetzt grünt und blüht es hier, das ist wunderbar.“
Ein anderes Highlight: Ein Junge hatte gefragt, ob er den Zukunftstag bei ihr verbringen darf. Er durfte – und brachte seinen Freund gleich mit zum Vorgespräch. Sie planten, Waffeln anzubieten. Und dann kam etwas ins Rollen. „Die beiden haben bei mir Flyer gestaltet und so erfolgreich verteilt, dass wir am Ende Schlangen von Menschen hier hatten.“ Auch Gäste aus Communitys, die sonst noch nicht im MGH waren – was die Koordinatorin besonders freut.
„Am meisten schätze ich die Begegnungen mit Menschen …
… besonders dann, wenn wir gemeinsam aktiv oder kreativ sind, wie etwa beim Backen oder Steinen bemalen. Das schönste Kompliment für mich ist es, wenn Gäste immer wieder gerne wiederkommen und sagen: Der Kuchen oder das Essen schmeckt super. Diese Arbeit lehrt mich, dass große kulturelle und altersbedingte Unterschiede sowohl eine Herausforderung als auch eine große Bereicherung sein können. Man muss lernen, für die eigenen Werte einzustehen, sich abzugrenzen und gleichzeitig Unterschiede zu akzeptieren – und das dem Gegenüber auch vorzuleben. Das gemeinsame Miteinander und das Füreinander da sein spielen dabei eine zentrale Rolle und gewinnen im Alltag enorm an Bedeutung.“
Nora, Bundesfreiwilligendienstleistende im MGH Oldenburg
„Ich habe mich für ein BFD als Übergangsjahr entschieden, …
… da ich meine Ausbildung nicht vollendet habe. Ich wollte mich neu orientieren, wusste aber schon, dass mir der soziale Bereich liegt, habe darin nach Stellen gesucht. Im MGH hat mich die Atmosphäre angesprochen, und dass ich die Freiheit habe, neue Sachen auszuprobieren. Am meisten Spaß machen mir die Gespräche mit Besuchern und das Backen. Es ist immer interessant, was gerade die Besucher der älteren Generationen alles schon erlebt haben und wie sie geschichtliche Ereignisse aus ihrer Perspektive erzählen.“
Joyce, Bundesfreiwilligendienstleistende im MGH Oldenburg
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Bundesfreiwilligendienst im MGH
Das Mehrgenerationenhaus Oldenburg bietet dauerhaft zwei Stellen für Bundesfreiwilligendienstleistende an. Eine davon wird durch eine großzügige Spende der GSG OLDENBURG ermöglicht. Ab September ist noch ein Platz frei, Interessierte können sich direkt beim Mehrgenerationenhaus melden.
Wenn Pflegefragen beim Kaffee beginnen
Ein Herzensprojekt von Sabine Weirauch ist „Pflege und Quartier“. Dabei geht es nicht um klassische Pflegeberatung, sondern um niedrigschwellige Orientierung. Wenn auffällt, dass jemand im Alltag Unterstützung braucht, kann daraus ein Gespräch entstehen: Wäre ein Menüservice eine Hilfe? Wer hat schon einen und kann empfehlen? Wer kann begleiten, entlasten, erklären? Wichtig ist Sabine Weirauch: Das Mehrgenerationenhaus ersetzt weder Fachberatung noch Pflegedienst. Es verweist, vermittelt und verbindet. Manchmal reicht es schon, eine Person zu finden, die regelmäßig vorbeischaut, ein Spiel spielt, spazieren geht oder aufmerksam zuhört. „Gerade im Quartier kann Hilfe sehr nah sein: eine Treppe runter, zwei Häuser weiter, einmal über die Straße gehen. Unter unseren Besucher:innen sind auch ausgebildete Alltagsbegleiter:innen, bestenfalls müssen wir nur die richtigen Personen zusammenbringen.“ Für Beratung rund um die Pflege sind einmal im Monat Fachberaterinnen der Johanniter vor Ort, immer im Anschluss an ein Frühstück. „Unsere Besucher:innen können sich einfach mit einem Kaffee dazusetzen und ihre Fragen loswerden, ganz spontan. Das senkt die Hemmschwelle.“
Ehrenamtliches Engagement bereichert
Neben Sabine Weirauch, Joyce und Nora bieten auch Ehrenamtliche Programmpunkte im MGH an. Ein Engagement, das sehr bereichernd sein kann. „Wenn unser Ehrenamtlicher Tim morgens zum gemeinsamen Start in den Tag mit Kaffee, Tee und Zeitung aufschließt, warten die ersten Stammgäste schon.“ Die älteren Gäste schätzen Tim, der genau weiß, wer nicht so gut sehen kann und deshalb Zucker und Milch direkt anreicht. Er wiederum konnte durch sein stetiges Engagement eine neue Struktur in sein Leben bringen. „Das ist ein Gewinn für alle Seiten und auch das Ziel unserer Arbeit hier. Es gibt so viele Menschen, die Zeit haben und einsam sind. Dabei könnte der Weg so kurz sein. Und die Motivation dazu versuchen wir herauszukitzeln.“
Am Ende ist das Mehrgenerationenhaus Oldenburg kein Ort, der Nachbarschaft erklärt, sondern einer, an dem sie passiert. „Wir machen nichts, wir sind nur da“, bringt Sabine Weirauch mit einem Augenzwinkern auf den Punkt. Ein kleiner Satz, der den großen Unterschied macht. Denn Dasein bedeutet hier: bemerken, wenn jemand fehlt. Sehen, dass etwas schwerer wird. Einen Raum offenhalten, in dem niemand erklären muss, warum er oder sie kommt. Und einen Platz schaffen, an dem man sich einbringen kann. Zum Beispiel mit einem köstlichen persischen Essen, das der Köchin und ihren Gästen gleichermaßen Freude bereitet.
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