Ein Blick auf
Dynamiken häuslicher Gewalt
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Wenn Kontrolle zum Alltag wird

  • 25. November 2025 | Tamara Zimdahl
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Gewalt gegen Frauen zeigt sich selten von einem Tag auf den anderen. Sie entsteht im Kleinen und wächst oft unbemerkt. Viele Betroffene berichten von einer Entwicklung, die zunächst harmlos wirkt: Kommentare, die verunsichern, übermäßige Kontrolle oder finanzielle Abhängigkeit. Was von außen wie ein Streit erscheint, ist für die Frauen selbst ein Prozess, der ihnen schrittweise die Sicherheit und das Selbstwertgefühl nimmt. Am Ende steht oft die Frage, wie sie diesem Leben entkommen können und wohin sie gehen sollen, wenn das Zuhause kein sicherer Ort mehr ist.

Anja Kröber vom autonomen Frauenhaus Oldenburg kennt diese Muster aus vielen Gesprächen. „Viele Frauen kommen zu uns, wenn die Belastung bereits über Jahre gewachsen ist“, sagt sie. „Sie haben Strategien entwickelt, um  die Gewalt zu ertragen und den Alltag zu bewältigen. Aber irgendwann reicht es nicht mehr, und dann braucht es einen Ort, an dem sie in Sicherheit sind.“ Dass der Schritt ins Frauenhaus oft spät erfolgt, hat Gründe: Scham, Angst vor Konsequenzen und Unsicherheit über den eigenen finanziellen Spielraum halten viele lange zurück.

Anja Kroeber Frauenhaus

Anja Kröber, Leiterin des Autonomen Frauenhauses in Oldenburg

Ein zentraler Punkt in der Beratung ist die Unsichtbarkeit der Gewalt. Kontrolle, Isolation und psychische Abwertung hinterlassen keine blauen Flecken, aber sie bestimmen das Leben vieler Betroffener. Für Kinder, die in solchen Strukturen aufwachsen, wirken diese Erfahrungen oft weit über die akute Situation hinaus.

Schutzraum, Stabilisierung und ein Weg zurück ins Leben

Das Frauenhaus Oldenburg bietet Frauen und ihren Kindern nicht nur eine sichere Unterkunft, sondern auch Stabilisierung im Alltag, Beratung und Unterstützung bei rechtlichen und organisatorischen Fragen. Die Mitarbeiterinnen begleiten zu Behörden, vermitteln therapeutische Angebote und unterstützen beim Aufbau eines neuen Alltags. „Im Austausch untereinander machen die Frauen die Erfahrung, dass nicht sie für die Gewalt verantwortlich sind“, erklärt Kröber.

Was politisch passieren muss

Die elektronische Fußfessel ist Teil eines neuen Gewaltschutzansatzes, den die Bundesregierung aktuell vorbereitet. Familiengerichte sollen künftig in Hochrisikofällen anordnen können, dass Täter eine elektronische Aufenthaltsüberwachung tragen. Ziel ist es, Kontakt- und Näherungsverbote wirksamer durchzusetzen und frühzeitig zu erkennen, wenn sich ein Täter einer Frau nähert, die durch ihn gefährdet ist.

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Minuten

wird statistisch gesehen eine Frau in Deutschland Opfer von Partnerschaftsgewalt.
 

Anja Kröber ordnet die aktuelle Diskussion um die elektronische Fußfessel ein: „Die Einführung der Fußfessel kann in bestimmten Situationen Frauen kurzfristig schützen. Aber Polizei und Gerichte sind nicht ausreichend ausgestattet, Bedrohungslagen zuverlässig zu erkennen.“

Sie verweist darauf, dass die Zahlen der vergangenen Jahre die Dringlichkeit zeigen: „Noch immer tötet jeden zweiten Tag ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin. Es fehlen tausende Frauenhausplätze, eine flächendeckende und verpflichtende Täterarbeit, Fortbildungen für Jugendämter, Verfahrensbeistände, Polizei und (Familien-)Gerichte sowie eine koordinierte Strategie für Prävention und Intervention. Kurz: die Umsetzung der Istanbul-Konvention, zu der Deutschland sich schon 2018 verpflichtet hat.“

Die Istanbul-Konvention

Die Istanbul-Konvention ist ein völkerrechtlich verbindliches Abkommen des Europarats, das darauf abzielt, Gewalt gegen Frauen und Mädchen sowie häusliche Gewalt zu verhindern, zu verfolgen und zu beseitigen. Sie verpflichtet die Mitgliedsstaaten dazu, Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt konsequent zu verhindern, Betroffene zu schützen und Täter wirksam zu verfolgen. Deutschland hat die Konvention 2018 ratifiziert – die vollständige Umsetzung steht jedoch noch aus. Kernforderungen der Konvention sind unter anderem:


    •    ausreichend und flächendeckend verfügbare Frauenhausplätze
    •    verpflichtende Täterarbeit
    •    verlässliche Gefährdungsanalysen und Schutzkonzepte
    •    spezialisierte Fortbildungen für Polizei, Gerichte und Jugendämter
    •    koordinierte nationale Strategien für Prävention und Intervention

Wie Oldenburg zusammenarbeitet

Damit Frauen in Oldenburg Schutz und Perspektive finden, braucht es ein verlässliches Netzwerk. Dazu gehören das Gleichstellungsbüro der Stadt, Beratungsstellen wie BISS, Olena, Wildwasser, medizinische Dokumentationsangebote wie ProBeweis – und Partner im Bereich Wohnen. Für Frauen, die das Frauenhaus verlassen, ist Wohnraum entscheidend, um dauerhaft unabhängig leben zu können. Die Zusammenarbeit mit der GSG OLDENBURG ist dabei ein wichtiger Baustein. Der Soziale Dienst unterstützt seit Jahren bei der Vermittlung von Wohnungen für Frauen, die nach ihrer Zeit im Frauenhaus bereit für einen Neuanfang sind.


„Der Übergang in eine eigene Wohnung ist oft der Moment, in dem Frauen merken, dass sie wieder ein eigenes Leben gestalten können“, sagt Kröber. Doch die Nachfrage nach sicherem und bezahlbarem Wohnraum ist hoch. Umso wichtiger sind verlässliche Partner, die Frauen in dieser Situation nicht allein lassen.

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