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Soziales

Interview mit Heiko Quast und Insa Kasper vom Inklusionsbetrieb OL-O

  • 03. Mai 2024 | Lisa Knoll
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Nach einer Idee von Gerhard Wessels, Geschäftsführer der Gemeinnützigen Werkstätten Oldenburg (GWO), und GSG-Geschäftsführer Stefan Könner wurde am 1. Juni 2022 die inklusiv arbeitende Oldenburger Objektbetreuung OL-O gGmbH gegründet. Zum Ende desselben Jahres zog die OL-O in das eigens errichtete Geschäftsgebäude in der August-Wilhelm-Kühnholz-Straße 71. Im Interview berichtet Betriebsleiter Heiko Quast und Insa Kaspar, Büroassistenz, vom erfolgreichen Unternehmenskonzept der OL-O.

Herr Quast, was ist das Besondere an der inklusiven Oldenburger Objektbetreuung OL-O?

Heiko Quast: Arbeiten, die bislang von externen Betrieben übernommen wurden, können nun auch von unseren Mitarbeitenden ausgeführt werden. So können wir Menschen mit Behinderung einen Platz am ersten Arbeitsmarkt anbieten, und die Mieterschaft profitiert von schnellen Reparaturmaßnahmen.

Welche Leistungen bieten Sie konkret an?

Heiko Quast: Wir übernehmen zum Beispiel eine Vielzahl an Dienstleistungen im Bereich der Instandhaltung und Hausmeistertätigkeiten. Dazu zählen unter anderem Spielplatzkontrollen sowie die Pflege der Spielplätze und Grünanlagen. Außerdem führt ein zertifizierter Kollege die jährlichen TÜV-Abnahmen der Spielplatzanlagen durch. Ich selbst bin Elektroinstallateur-Meister, neben mir haben wir noch einen weiteren Elektriker, einen Maler und Zimmermann eingestellt. Wir kümmern uns also auch um die Elektro- und Instandhaltungsarbeiten in Treppenhäusern und Kellern, die Außenbeleuchtung und viele andere Kleinreparaturen, für die keine Fachfirmen erforderlich sind.

Was zeichnet einen Inklusionsbetrieb aus?

Insa Kasper: Als Inklusionsbetrieb bieten wir einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz für Menschen mit Behinderung, die am Ersten Arbeitsmarkt nur schwer eine Anstellung finden. Bei unserer Personalplanung müssen wir auf eine bestimmte Quote achten: 40 bis 50 Prozent der Beschäftigten haben eine Behinderung.

Der Paragraf 215 SGB IX schnell erklärt

Was ist ein Inklusionsbetrieb?

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Der Paragraf 215 des Sozialgesetzbuchs IX (kurz: SGB IX) legt Inklusionsbetriebe als besondere Fördermöglichkeit für schwerbehinderte Menschen fest. Inklusionsbetriebe sollen ihnen Beschäftigungen auf dem Allgemeinen Arbeitsmarkt ermöglichen. Der Allgemeine Arbeitsmarkt (auch: Erster Arbeitsmarkt) besteht – im Gegensatz zum Besonderen Arbeitsmarkt (auch: zweiter Arbeitsmarkt) – nicht aus staatlich geförderten Tätigkeiten, wie sie beispielsweise in Werkstätten für Menschen mit Behinderung vorliegen.

Es gilt der Grundsatz: Jede erwerbsfähige Person soll die Chance erhalten, in einer regulären Anstellung zu gleichen Arbeitsbedingungen zu arbeiten – unabhängig davon, ob diese Person eine Behinderung hat oder nicht. Unternehmen werden dazu angehalten, 30 bis 50 Prozent ihrer Stellen mit schwerbehinderten Mitarbeitenden zu besetzen.

Der Paragraf 215 SGB IX im Detail.

Inwiefern unterscheidet sich die OL-O von ihren Nachbarn, den Gemeinnützigen Werkstätten?

Heiko Quast: Im Gegensatz zu den Werkstätten sind die bei uns tätigen Menschen mit Schwerbehinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätig. In erster Linie sind wir ein ganz normaler Handwerksbetrieb, nur mit der Besonderheit, dass einige unserer Mitarbeitenden ein Handicap haben. Das heißt auch, dass wir trotz unserer Gemeinnützigkeit wirtschaftlich tätig sind und mit unseren Dienstleistungen die Kosten des Betriebs decken müssen.

Wie kann man sich die Arbeitsabläufe in Ihrem Handwerksbetrieb vorstellen?

Insa Kasper: Wir übernehmen Aufgaben, für die manche Betriebe nicht rausfahren würden oder lange Wartezeiten haben. Unser Vorteil ist, dass wir schnell reagieren können. Deshalb werden wir bei der Auftragsvergabe von der GSG OLDENBURG bevorzugt behandelt. Man muss auch sagen, dass wir sonst so in der Form als Inklusionsbetrieb nicht am Markt agieren könnten. Unsere Mitarbeitenden haben nicht den Leistungsdruck, der bei vielen Marktakteuren herrscht, und können die Arbeiten in Ruhe ausführen. Und manchmal dauert es bei uns halt etwas länger in der Umsetzung. Das ist für alle Beteiligten in Ordnung. Aufgrund der Vielfältigkeit der Aufträge ist der Tag immer abwechslungsreich. Hier gibt es keine festen Partnerkonstellationen. Je nachdem, wie die Aufträge fallen, kann der Maler schon mal einen Zaun aufbauen. So kommt keine Monotonie auf.

Gibt es Herausforderungen, die andere Unternehmen in der Form nicht stemmen müssen?

Heiko Quast: Manchmal fahre ich nach Hause und denke mir: „Mensch, war das anstrengend“. Das ist sicherlich nicht anders als in anderen Betrieben auch. Aber man muss auf eine gewisse Weise anders auf die Menschen eingehen und rücksichtsvoller sein. Unsere „Herausforderung“ ist vielleicht, dass der Arbeitsplatz an die Bedürfnisse der Mitarbeitenden angepasst werden muss. Unser Kollege Mohammad zum Beispiel ist körperlich eingeschränkt. Deshalb haben wir für ihn ein Auto mit Automatikgetriebe gekauft und es auf seine Bedürfnisse zuschneiden lassen. Nun holt er morgens seine Liste ab, fährt im Schnitt täglich sechs bis acht Spielplätze an und verrichtet großartige Arbeit. Wenn im Herbst zu viel Laub liegt und er es allein nicht mehr schafft, bekommt er die darauffolgenden Tage Unterstützung – einen Kollegen mit der Harke, einen mit dem Laubbläser.

Instandhaltung, Garten- und Landschaftspflege und Renovierungsarbeiten – die Aufgaben von OL-O sind vielfältig.

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Wie läuft der Bewerbungsprozess für neue Mitarbeitende ab?

Insa Kasper: Generell können sich alle interessierten Personen bei uns bewerben. Im nächsten Schritt laden wir Bewerber:innen zum Gespräch ein, darauf folgt ein Praktikum von zwei bis vier Wochen. Das hängt immer von der einzelnen Person ab. Der letzte Praktikant war vier Wochen bei uns. Wir haben gemerkt, dass er eine Veränderung durchmacht. Am Anfang war er noch sehr schüchtern, aber von Woche zu Woche taute er immer mehr auf. Und am Ende des Praktikums war er komplett im Team integriert und wurde dann auch fest eingestellt.

Welche Pläne hat die OL-O für die Zukunft?


Heiko Quast: Unsere Personalplanung ist zunächst auf fünf Jahre angelegt. Innerhalb dieser Zeit, so das Konzept, soll die Belegschaft auf 19 Mitarbeitende anwachsen. Auch hier wird zukünftig auf die Quote von bis zu 50 Prozent an Mitarbeitenden mit Schwerbehinderung geachtet. Da wir noch im Aufbau sind, machen wir es auch davon abhängig, wie der Bedarf seitens der GSG OLDENBURG ist. Zunächst wollten wir uns zu gleichen Teilen um Instandhaltung, Garten- und Landschaftspflege und Renovierungsarbeiten kümmern. Wir merken nun aber, dass wir öfter für Reparaturen in die Wohnungen gerufen werden und weniger Gartenarbeit nachgefragt wird. Dementsprechend richten wir uns aus. Wir haben zudem ein kleines Portfolio an privaten Kunden, das wir in Zukunft noch ausbauen möchten. Viele haben über Dritte von uns gehört und möchten uns in unserer Sache unterstützen.

Die OL-O ist in Oldenburg derzeit der einzige nach diesem Konzept arbeitende Handwerksbetrieb. Woran könnte das liegen?


Heiko Quast: Ich denke, das Problem ist, dass Unternehmen eher ihre Ausgleichsabgabe an das Integrationsamt überweisen als einen Menschen mit Behinderung einzustellen. Oft fehlt Arbeitgebern die Info oder das Wissen, dass sie bei Einstellung eines behinderten Menschen Unterstützung erhalten und sie den Arbeitsplatz individuell für diese Person gestalten können. Die Unterstützung bei der Arbeitsplatzgestaltung und die Lohnkostenzuschüsse für die Einstellung schwerbehinderter Mitarbeitender sind jedem Betrieb zugänglich. Ich bin ganz ehrlich, uns hilft natürlich zusätzlich die Unterstützung durch unsere Gesellschafter GSG und GWO, denn auch so können wir viele Arbeitsmöglichkeiten schaffen.

Hinzu kommt, dass Firmen, die einer gewissen Wirtschaftlichkeit unterliegen, mitunter Vorbehalte bezüglich der Leistungsfähigkeit der Mitarbeitenden haben. Wir machen dahingehend aber viele positive Erfahrungen. Bei uns mag es manchmal etwas länger dauern, aber das heißt nicht, dass die Arbeit schlechter verrichtet wird. Im Gegenteil, vielleicht in Teilen sogar besser, weil wir die Arbeit in Ruhe und mit Sorgfalt erledigen können.

Was können Sie anderen Betrieben aus Ihrer Erfahrung bezüglich Inklusion raten?


Heiko Quast: Im Endeffekt muss jedes Unternehmen für sich entscheiden, ob und in welcher Form es inklusive Arbeitsplätze anbieten möchte. Das hängt natürlich auch immer mit der Art der Arbeit zusammen. Generell würde ich sagen, brauchen Arbeitgeber:innen keine Angst zu haben. Man muss sicherlich etwas Empathie und Zeit mitbringen, wenn man einen schwerbehinderten Menschen einstellt. Die Planung mag auch etwas intensiver sein, aber wenn alle gut gelaunt sind, ist der Arbeitsablauf wie in jeder anderen Firma auch. Im Großen und Ganzen merkt man kaum einen Unterschied.

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ZUR PERSON

Heiko Quast ist Betriebsleiter der Oldenburger Objektbetreuung OL-O gGmbH. In Zusammenarbeit mit den Gemeinnützigen Werkstätten hat er maßgeblich zum Aufbau des Unternehmens beigetragen. Als Elektroinstallateur-Meister behält er stets den Überblick über sämtliche Belange. Insa Kasper, links im Bild, unterstützt in der Verwaltung und sorgt dafür, dass im Hintergrund alle Prozesse reibungslos ablaufen.

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