Interview mit Anja Kröber vom Autonomen Frauenhaus

zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen

Anja Kröber sagt von sich: „Ich empfinde meine Arbeit als positiv und bereichernd – auch wenn ich mit schweren Schicksalen zu tun habe.“ Seit 2003 ist sie Mitarbeiterin des Autonomen Frauenhauses in Oldenburg und hat in dieser Zeit oft erlebt, was Gewalt anrichten kann.

 

Frau Kröber, am 25. November ist der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen: Was bedeutet das Datum für Sie?

Der Tag ist für uns ein guter Anlass, das Thema Gewalt gegen Frauen öffentlich zu machen. Wir organisieren dazu seit vielen Jahren, zusammen mit anderen Akteurinnen aus Oldenburg wie dem Gleichstellungsbüro oder anderen Frauengruppen, unterschiedliche Veranstaltungen.

Das Thema Gewalt gegen Frauen sollte also in der Gesellschaft mehr Gehör finden?

Genau. Die Gewalt findet ja zu Hause statt, das ist ein geschlossener Raum. Und somit ist die Gewalt nicht sehr öffentlich. Es ist unser Anliegen, immer wieder darauf hinzuweisen, dass es jede Frau treffen kann, unabhängig von Alter, sozialer Herkunft oder Religionszugehörigkeit. Außerdem möchten wir auf Hilfsangebote aufmerksam machen. Wir haben ein gut ausgebautes Netz in Oldenburg, mit Frauenhaus, der BISS, der Beratungsstelle Olena und auch vielen anderen Ehe- und Lebensberatungsstellen. Frauen können Unterstützung bekommen. Genauso wie übrigens die Täter: Seit einigen Jahren gibt es auch Beratung für Täter. Unser drittes Anliegen ist, auch die Menschen, die nicht davon betroffen sind, zu sensibilisieren und hinzugucken, was in der Nachbarschaft passiert.

Wie viele Frauen und Kinder suchen jährlich Schutz bei Ihnen?

Durch die Verschärfung auf dem Wohnungsmarkt nehmen wir jetzt nur noch 60 Frauen und etwa 80 Kinder pro Jahr auf. Angerufen haben aber 176 weitere Frauen mit 204 Kindern, die wir nicht aufnehmen konnten und weitervermitteln mussten an andere Frauenhäuser.

Wie begleiten Sie diejenigen, die aufgenommen werden können?

Zunächst einmal vereinbaren wir einen Treffpunkt, um die Adresse zu schützen. Dann beraten und begleiten wir die Frauen zu den Themen, die sie sich wünschen oder die notwendig sind, etwa zur Existenzsicherung. Wir kümmern uns darum, dass die Frau ein eigenständiges Einkommen hat, meistens erst einmal durch Arbeitslosengeld II. Oder durch den Unterhalt, den der Partner zahlt. Wichtig ist auch die Wohnungssuche, die sehr lange dauern kann. Wir unterstützen auch in Fragen wie, ob die Frau sich scheiden lassen oder Anzeige erstatten möchte. Ein weiteres Thema der Beratung ist das Umgangsrecht der gewalttätigen Väter mit ihren Kindern. Und natürlich auch die Gewalterlebnisse selbst.

Wie lang bleiben denn die Frauen im Schnitt?

Das ist ganz unterschiedlich. Manche Frauen bleiben ein, zwei Tage, informieren sich über die Möglichkeiten, die sie haben, kommen dann zum Beispiel bei Freunden oder Familie unter oder sind in Oldenburg gefährdet und entscheiden sich, in ein anderes Frauenhaus zu wechseln. Manche gehen auch zum Partner zurück. Das sind relativ wenige, aber manche tun das, nachdem sie sich informiert haben. Wenn Frauen sich trennen und eine andere Wohnung beziehen, dann dauert der Aufenthalt inzwischen bis zu sechs Monate.

Würden Sie grundsätzlich immer dazu raten, den Mann zu verlassen, wenn er gewalttätig geworden ist, oder ist das abhängig von der Dimension und Häufigkeit der Gewalt? Oder bleiben Sie neutral?

Eine Beratung sollte immer ergebnisoffen sein – die Frau entscheidet, wo es hingeht in ihrem Leben. Wir können nur Unterstützung anbieten. Wenn sie sich entscheidet, in die Partnerschaft zurückzugehen, können wir sagen: „Es gibt eine Ehe- und Lebensberatung, dein Mann hat die Möglichkeit, sich an eine Täterberatung zu wenden. Bevor du zurückgehst, sprich bestimmte Bedingungen ab oder deponiere eventuell wichtige Papiere bei Nachbarn und Freunden. Wesentlich ist, was die Frau möchte. Wir raten ihr nichts.

Das bedeutet auch: Sie verurteilen nicht?

Nein.

Zu den Kindern: Wie können Sie auf ihre Bedürfnisse noch einmal expliziter eingehen?

Es gibt im Oldenburger Frauenhaus einen Kinderbereich, das sind drei Räumlichkeiten. Ich habe zwei Kolleginnen, die Erzieherinnen sind und die Kinder während der Woche betreuen.  Dort haben sie die Möglichkeit, über ihre Erlebnisse zu sprechen, ganz ohne Zwang. Wenn sich die Kinder sicher fühlen, dann teilen sie ihre Gefühle mit, dazu gehört auch, dass sie ihren Vater vermissen. Das muss genauso Raum haben. Dann muss man den Kindern erklären, warum sie ihren Vater eventuell erst einmal ein paar Wochen nicht sehen können, weil es einfach zu unsicher ist, und Umgangsmöglichkeiten gefunden werden müssen, die geschützt sind.

Diese Ohnmacht, Gewalt passiv zu erfahren, muss sehr belastend sein.

Kinder erleben Ohnmachtsgefühle, wenn sie ihre Mutter nicht schützen können. Oder sie sind total überfordert, weil sie versuchen, ihre Mutter zu schützen, und aktiv in den Konflikt eingreifen.

Wenn eine Frau das Frauenhaus verlassen hat, besteht dann weiter Kontakt und inwiefern?

Wir bieten nach dem Auszug eine nachgehende Beratung an, um zuvor angestoßene Entwicklungen zu Ende zu begleiten. Zusätzlich versuchen wir natürlich, die Klientinnen in das gut ausgebaute Unterstützungs- und Beratungsnetz in Oldenburg zu integrieren – ganz nach ihrem Bedarf, von der Erziehungs- bis zur Schuldnerberatung.

Trotz der unbestreitbaren Präsenz von Gewalt gegen Frauen: Sehen Sie trotzdem eine positive Entwicklung? Ändert sich etwas zum Positiven?

Auf jeden Fall auf Gesetzesebene: Das Thema Gewalt gegen Frauen wird ernst genommen. Es hieß lange: „Das ist eine Familienangelegenheit, da kann man nichts machen.“ Und seit 2002 gibt es das Gewaltschutzgesetz, in dem ganz explizit steht: Wer schlägt, muss gehen. Das ist ein Paradigmenwechsel. Man sagt Gewalt geht nicht, Gewalt ist eine Straftat und das darf nicht sein. Von politischer Seite wurden Strukturen geschaffen. Ich finde, sie sind nicht ausreichend und auch nicht ausreichend finanziert, aber immerhin.

Ich denke auch, dass sich im gesellschaftlichen Bewusstsein etwas verändert hat. Es wird ganz klar kommuniziert, dass die Verantwortung für die Gewalt immer bei der Person liegt, die sie ausübt.

Mit Ihrem großen Erfahrungsschatz aus fast 15 Jahren Arbeit im Frauenhaus: Wie lautet Ihr wichtigster Appell an Frauen, denen Gewalt widerfährt?

An die Frauen: Es gibt Hilfe! An Nachbarn und Freunde: unbedingt hinschauen und nachfragen oder die Polizei rufen. An die Gesellschaft: Kindern schadet es in ganz erheblichem Maße, wenn sie die Gewalt der Eltern miterleben. Da ist ein professioneller ebenso wie privater Umkreis gefordert, einzugreifen und Kinder zu schützen. Damit die Gewalt aufhört.

Das Interview führte Mareike Lange / Mediavanti.